
Die meisten Menschen hierzulande, die an die Planung von Gebäuden und an die anschließende Umsetzung eben dieser denken, werden vermutlich funktionale Aspekte im Kopf haben. Dies betrifft vor allem den Zweck des Bauvorhabens und die Ausrichtung der Umsetzung an diesen Zweck: Dieser Vorstellung zufolge soll zum Beispiel eine Schule so errichtet werden, dasssie für die Anzahl der Schüler_innen und die Ausübung des Unterrichts ausreichend große und entsprechend ausgestattete (zum Beispiel in Bezug auf die ausreichende Beleuchtung durch Tageslicht) Räume beinhaltet. Außerdem soll sich das jeweilige Bauwerk möglichst harmonisch in das Stadtbild beziehungsweise das jeweilige Straßenbild einfügen. Diese funktionale Vorstellung von Architektur berücksichtigt aber viele wichtige Aspekte nicht. Ein Beispiel ist die farbliche Gestaltung der Räume: Die Wahl der Farbe hat einen großen Einfluss auf das Empfinden der anwesenden Personen, der sichinsbesondere dann manifestiert, wenn die Personen sich häufig in eben diesem Raum aufhalten. Der enorme Ausmaß der farblichen Beeinflussung lässt sich daran ablesen, dass in den USA und der Schweiz Gefängniszellen für Menschen, die als besonders aggressiv eingestuft werden, komplett in pink gehalten sind. Diese Farbe soll eine pulssenkende, lethargische Wirkung haben. Den Mitarbeiter_innen verschiedener Gefängnisse zufolge, die diese Farbe für ihre Zwecke benutzen, ist der Einfluss von pink schon nach wenigen Stunden deutlich spürbar (die moralische Vertretbarkeit dieser Praxis sei allerdings dahingestellt). Ein weiteres Beispiel ist die Gestaltung der Räume für Menschen, die gesellschaftlich behindert werden: So wird allzu oft ausgeklammert, dass Menschen, die als behindert gelten (wie zum Beispiel durch eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit oder Probleme beim Sehen) auch ein Anrecht darauf haben, sämtliche Bauwerke problemlos betreten und sich dort zurechtfinden zu können. Leider finden sich daher fast nie Wegweiser mit Blindenschrift und es werden sogar Kinder, die ausschließlich als körperlich behindert gelten, in Förderschulen beschult, weil sie aufgrund der Architektur der meisten Regelschulen dort nicht am Unterricht teilnehmen können. Es wird also deutlich, dass die Architektur von Gebäuden deutlich mehr Aspekte berücksichtigen muss, als rein funktionale. Dies stellt eine Herausforderung für alle Beteiligten dar, die es zu meistern gilt.